Breier, Albert: Stabat mater für Sopran und Violoncello (2016)

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Are 3041

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Beschreibung

Text

1. Stabat mater dolorosa Iuxta crucem lacrimosa, Dum pendebat filius; Cuius animam gementem, Contristantem et dolentem Pertransivit gladius.
2. O quam tristis et afflicta Fuit illa benedicta
Mater unigeniti!
Quae maerebat et dolebat, Et tremebat, cum videbat Nati poenas incliti.
3. Quis est homo, qui non fleret, Matrem Christi si videret
In tanto supplicio?
Quis non posset contristari, Piam matrem contemplari Dolentem cum filio?
4. Pro peccatis suae gentis Iesum vidit in tormentis Et flagellis subditum. Vidit suum dulcem natum Morientem, desolatum, Cum emisit spiritum.
5. Eia, mater, fons amoris, Me sentire vim doloris
Fac, ut tecum lugeam.
Fac, ut ardeat cor meum
In amando Christum Deum, Ut sibi complaceam.

10. Fac me cruce custodiri, Morte Christi praemuniri, Confoveri gratia.
Quando corpus morietur, Fac ut anima donetur Paradisi gloriae.

Zum Text

Der lateinische Hymnus Stabat mater wird Iacopone da Todi (gestorben 1306) zugeschrieben. Die bekannteste deutsche Übersetzung stammt von Heinrich Bone (1847). Das Gedicht gehört zu den am häufigsten komponierten Texten der Weltliteratur. Die vorliegende Komposition verwendet die Strophen 1-5 und 10.

Zur Ausführung

Die Tempogestaltung ist flexibel, ebenso die Gestaltung der dynamischen Abläufe.
Alle Fermaten sind ad libitum. Sie können ganz oder teilweise wegbleiben, ihre Länge ist frei. Fermaten in Klammern sind im Verhältnis kürzer als Fermaten ohne Klammern.
In der Gesangsstimme bedeuten legato-Bögen eine legatissimo-Ausführung.

 

Aufführungsdauer: ca. 8 Minuten

Die Uraufführung am 22. April 2016 in Potsdam sang Irene Kurka, Sopran; Violoncello: Ehrengard von Gemmingen

Aufführungsdauer: ca. 8 Minuten, Are 3041, Querformat, 12 S.

 

Marke

Breier, Albert (*1961)

Albert Breier wuchs in dem ostwestfälischen Ort Sennelager bei Paderborn auf. 1979 ging er nach dem Abitur an die Musikhochschule Köln, Kompositionslehrer war für zwei Semester Jürg Baur. Danach arbeitete er als Komponist autodidaktisch weiter, studierte daneben bis 1987 Philosophie und Musikwissenschaft an der Universität Hamburg, Klavier bei Roland Keller an den Musikhochschulen Lübeck und Wien.

Erste Auftritte als Pianist hatte Breier u. a. mit der Concord-Sonate von Charles Ives, einer Klavierfassung des ersten Satzes der 9. Sinfonie von Gustav Mahler sowie mit eigenen Werken. Entscheidend für Breiers weitere kompositorische Entwicklung war die Begegnung mit Morton Feldman bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik. Es folgten Versuche, von Feldman zu lernen, ohne in sklavische Abhängigkeit zu geraten. Ein Schlüsselwerk für die spätere Entwicklung ist sein dem Andenken Feldmans gewidmetes 2. Streichquartett (1988).

Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre lebte Breier wieder in Köln. Er begann ein umfangreiches Selbststudium auf vielen Gebieten. Wichtig wurden die Entdeckung der klassischen chinesischen Landschaftsmalerei als einer wesentlichen Inspirationsquelle, das Studium der frankoflämischen Vokalpolyphonie des 15. Jahrhunderts, die Beschäftigung mit den Musiktraditionen Russlands und Georgiens sowie mit der russischen Religionsphilosophie. 1994 zog Breier nach Berlin, in der Folge entstanden zahlreiche Kammermusikwerke, oft für Freunde geschrieben. Seine Auftritte als Pianist nahmen zu, Einspielungen seiner Musik erschienen auf CD. 2002 erschien eine umfangreiche vergleichende Studie zu chinesischer Kunst und europäischer Musik: Die Zeit des Sehens und der Raum des Hörens. Ein Versuch über chinesische Malerei und europäische Musik.

Breier lehrte an der Universität der Künste Berlin. 2013 war er Stipendiat der Deutschen Akademie Villa Massimo in der Casa Baldi. Aufführungen hatte Breier außer in Deutschland vor allem im östlichen Ausland, besonders in Tschechien. Als Schriftsteller veröffentlichte er Essays, Rezensionen sowie 2014 zwei Bücher: Zahl und Moral. Ein Entwurf sowie Walter Zimmermann. Nomade in den Zeiten, beide 2014. Im selben Jahr zog Breier nach Dresden, dort zunehmende Vortragstätigkeit und Beginn der Edition der Werke Norbert von Hannenheims. Seit 2019 lebt Albert Breier wieder in Berlin. Er ist verheiratet und hat eine Tochter.

Die ersten eigenständigen Kompositionen Breiers entstanden zu Beginn der 80er Jahre. Sie zeigen Einflüsse Bernd Alois Zimmermanns und György Ligetis. Die Collagetechnik Zimmermanns gab Breier allerdings bald auf zugunsten einer stärker vereinheitlichten Musiksprache, die nach und nach ganz auf Stilzitate verzichtet. Die Auseinandersetzung mit dem Werk Morton Feldmans findet ihren ersten Niederschlag in dem einstündigen 2. Streichquartett, das Breier dem Andenken Feldmans gewidmet hat. Breier verzichtet allerdings weitgehend auf Feldmans Pattern-Technik, zudem ist seine Musik mehr linear als harmonisch geprägt. Ab 1998 verwendete Breier für einige Jahre eine neue, den eigenen kompositorischen Intentionen besser gerecht werdenden Notationsweise, die unter anderem durch das Fehlen von Taktstrichen gekennzeichnet ist. Es entstehen einige sehr ausgedehnte Stücke, die ein konzentriertes Hören verlangen, bei dem jedes Detail im Gedächtnis bleibt und das Erfassen der Großform an die Erinnerungsfähigkeit gebunden ist. Die Einflüsse der chinesischen Landschaftsmalerei zeigen sich bei Breier in einem Denken in großen Linienzügen, in der fast kalligraphischen Ausgestaltung der Details sowie in einer Verbindung von Konstruktivem und Improvisatorischen. Freiheiten der Ausführung gibt es allerdings nicht, alles ist präzise notiert.

Seit dem Orchesterstück Licht im Vorübergehen von 2009 treten klangliche Aspekte immer mehr in den Vordergrund. Die lineare Schreibweise verbindet sich mit genau ausgehörten Klangmomenten. Breiers Orchesterbehandlung verzichtet auf gängige Effekte. Sie beruht auf einem klanglichen Kontinuum zwischen unbegleiteten Soli und höchst differenzierten Klangmischungen von zum Teil sehr hoher Komplexität. Es entsteht eine Art musikalische Landschaftskunst, mit Werken von episch-lyrischem Charakter, in denen die Schönheit abstrakter Linien im Vordergrund steht.

Breier schrieb Musik für alle üblichen Gattungen mit Ausnahme von Oratorium und Oper. Es überwiegt die Instrumentalmusik. Die Klavierstücke I-VI (1983–96) bilden einen großen Zyklus, bei dem jedes Stück auch für sich gespielt werden kann. Ein Pendant dazu bilden sechs Streichquartette (1983-), von denen das letzte allerdings bisher unvollendet ist. In der Kammermusik favorisiert Breier die Triobesetzung in verschiedensten Kombinationen, darunter neben zwei Streichtrios so ausgefallene wie Viola, Horn und Harfe oder Oboe, Violoncello und Klavier. Einen weiteren Schwerpunkt bildet Ensemblemusik für 6–20 Spieler, darunter finden sich ebenfalls Stücke in seltenen Besetzungen wie Wohnen in fernen Landschaften für vier Klarinetten, Streichquartett und Klavier.

Breiers Orchestermusik gipfelt in zwei (bisher unvollendeten) Zyklen aus jeweils drei Stücken: den Landschaften und den Großen Landschaften (2003-). Von den Landschaften sind fertiggestellt: Licht im Vorübergehen und Nebelatem, von den Großen Landschaften: Einsamkeit und Zuspruch sowie ein weiteres, bisher nicht betiteltes Werk. Breier hat zwei große Werke für Chor a cappella geschrieben, ein zwölfstimmiges Requiem (2000) und eine 24-stimmige Messe (2007). Das Requiem zeigt den Einfluss der frankoflämischen Vokalpolyphonie; die Messe beruht auf gregorianischen Gesängen, die in derart strikter Weise verwendet werden, dass es keine einzige „freie“ Note gibt. Ein Gegenbild dazu gibt das intime Stabat mater für Sopran und Violoncello (2016).